Zwischen "Verlorenes Schaf" und 77 x verzeihen - Mt 18,15-20
Manchmal erfasst mich eine richtige Wut, wenn von Christen nationalistische oder extrem fundamentalistische Positionen vertreten werden, die meinem Menschen- und Weltbild vollständig widersprechen.
Es scheint schon in den Anfängen der Kirche ein Ringen gegeben zu haben, wie mit Menschen umgegangen werden soll, die mit ihrem Verhalten christliche und kirchliche Grundüberzeugungen übertreten haben. Um welche Übertretungen es genau geht, das wird im Evangelium von diesem Sonntag nicht benannt, wohl aber ein Weg, wie mit solchen Menschen umgegangen werden soll.
„Geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht!“ und dann mit einem oder zwei Zeugen. Und auch wenn das nichts hilft, dann soll er sich vor der ganzen versammelten Gemeinde rechtfertigen. Die Gemeinde darf ihn dann sogar ausschließen.
Vielleicht ist das auch eine gute Handlungsanweisung für uns heute. Ich habe den Eindruck, die Positionen, die inzwischen auch im Glauben vertreten werden, gehen weiter auseinander denn je. Und es gibt viele Meinungen, die ich zutiefst aus meiner Glaubensüberzeugung heraus ablehne. Aber der Weg geht über das Gespräch, über das Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Ich höre zu und der oder die andere hoffentlich auch mir. Und da gilt es dann Gemeinsamkeiten zu finden. Manchmal erlebe ich, dass dies nicht möglich ist. Das empfinde ich als immens schmerzhaft – und ich bleibe sprachlos zurück.
Aber die Erfahrungen der ersten Christen wird ähnlich gewesen sein, denn sonst würden wir von dem Ausschluss aus der Gemeinde nichts im Evangelium lesen können.
Ein Bibelkommentar hat mich noch auf etwas ganz Wichtiges hingewiesen: Diesen Abschnitt hat Matthäus eingerahmt in die Erzählung vom verlorenen Schaf, wo die Freude im Himmel groß ist, wenn es wiedergefunden wird und dem Gebot, dem anderen 77-mal zu verzeihen.
So verstehe ich dieses Bibelwort zum einen als einen großen Trost, weil Gott selbst den Verlorenen nachgeht und zum anderen als eine große Aufforderung, nicht überheblich zu sein und bereit sein zu verzeihen.
Und darauf zu vertrauen, dass Christus selbst in unserer Mitte ist, wo zwei oder drei sich in seinem Namen versammeln.
Toni Emehrer
Jugendseelsorger
im Dekanat Erding